Grenzen setzen kann schwer fallen, aus guten Gründen.
In diesem Beitrag geht es darum, warum das so ist, wie du anfangen kannst, dir selbst recht zu geben und welchen Gewinn das Grenzensetzen für dich hat.
Auweia, so ein anstrengendes Thema, denke ich selber, wenn ich den Text noch mal lese und möchte dir lieber ein leicht flockiges Thema anbieten. Aber es lohnt sich, Grenzen setzen näher zu betrachten.
Aus meiner Sicht wird es einfacher, wenn du Grenzen setzt. Du bleibst nicht im inneren Entscheidungstumult, in unterdrückter Wut hängen, sondern hast eine klare Haltung zu deinen Grenzen und gegenüber Grenzverletzungen. Dann wird´s flockiger!, so ist meine Erfahrung
Wie du meinen Skizzen aus meinen Journals im Laufe der Jahre entnehmen kannst, hat mich das Thema jahrelang beschäftigt u.a. aus biografischen Gründen.
Am Ende des Beitrags findest du Schreib- und Visualisierungsimpulse zu diesem Thema.
Anmerkung: Dieser Text bezieht sich auf alltägliche Grenzverletzungen im privaten und beruflichen Umfeld — nicht auf sexuelle und körperliche Übergriffe, die eine ganz andere Reaktion und Unterstützung erfordern.
Grenzen setzen ist notwendig und tut manchmal weh. Es ist anstrengend und sinnvoll zugleich.
Wenn Grenzen verletzt werden
Es gibt Menschen, die sind schlicht übergriffig, deuten dich ungefragt oder erschlagen dich mit Rat oder machen einfach Dinge, ohne dich zu fragen. Sprachlos stehe ich dann da und denke: „Hallo! Nein! Geht gar nicht!“ Manchmal bin ich so erstarrt und verwirrt, dass ich erst später die Grenzverletzung erkenne.
Vor wenigen Wochen hat mir mein Körper dabei geholfen, diese Grenzverletzung sofort zu erkennen. Eine Person hat unaufgefordert etwas über mich geschrieben, bei dem mein Nervensystem sofort in Alarmbereitschaft ging: Schock, Herzklopfen, Atem anhalten, Erstarren.
Mein Verstand, der ja etwas langsamer ist als das limbische System, musste erstmal begreifen, was da gerade passiert ist.
Warum es schwerfällt, Grenzen zu setzen
Grenzen setzen fällt insbesondere gegenüber geliebten oder nahen Personen oft schwer:
- Du willst andere nicht verletzen,
- keinen Konflikt heraufbeschwören,
- anderen nicht vor den Kopf stoßen,
- vielleicht hast du Zweifel, ob du dich oder die Situation richtig einschätzt,
- und vielleicht hast du Angst, nicht mehr geliebt zu werden, wenn du Grenzen setzt.
Alles ist sehr verständlich.
Die andere Seite der Medaille ist jedoch, dass du dich selbst dabei immer wieder im Stich lässt. Du gibst den anderen mehr Recht und Bedeutung als dir selbst. Ein ungutes Gefühl. Du lässt die Grenzüberschreitung mal wieder zu. Und? Fühlt sich das gut an? Nein!
Bei mir stellt sich dann dieses seltsames Gefühl ein:
Grenzweh!
Die Sehnsucht nach einer Grenze!
Nein sagen im Job
Grenzen setzen bedeutet nicht nur, übergriffige Menschen in die Schranken zu weisen. Es bedeutet auch, bei Überlastung Nein zu sagen — was im Job oft besonders schwer fällt, weil
- du Mitarbeiter:in des Monats werden möchtest,
- du eine engagierte und leistungsfähige Mitarbeiter:in sein willst,
- du Angst hast, dass du eine schlechte Beurteilung bekommst,
- du Angst hast, als schwach zu gelten,
- du befürchtest, dass deine Kollegin oder deine Chefin dich nicht mehr mögen,
- das System am Limit ist, und du deine Kolleg:innen oder Chef:in nicht belastete, deinen Teil beitragen möchtest und dabei noch mehr dazu beiträgst, dass keiner was am System ändert, sondern alles so bleibt.
Der letzte Punkt klingt ironisch gemein, ich weiß. Einer meiner Ex-Chefs hat mal schmunzelnd zugegeben, dass er die Mitarbeitenden, so lange belastet, „bis sie quietschen“. Heißt: solange alle zu allem immer Ja sagen, gibt es immer noch eine Schippe obendrauf.
Beiden Seiten ist geholfen, wenn Überlastungen klar werden. In der geschilderten Situation haben wir gemeinsam überlegt, wie wir etwas im und für das Team verändern können.
Den anderen einen wertvollen Hinweis schenken
Bei unbedachter Grenzüberschreitung steckt meistens kein böser Wille dahinter sondern schlicht eine andere Sozialisation, andere Maßstäbe bzgl. Nähe und Distanz und manchmal einfach Unachtsamkeit. Da hilft ein freundlicher und klarer Hinweis.
Dann gibt es noch die absichtliche Grenzüberschreitung. Hier weiß die Person genau, was sie tut. Manchmal testet sie aus, wie weit sie gehen kann. Manchmal ist es Machtausübung. Da ist die Reaktion eine andere: klarer, konsequenter, und der Rückzug oder ein Kontaktabbruch kommt schneller in Frage, wenn die Grenzverletzungen nicht aufhören.
Du gibst ihnen einen wertvollen Hinweis: Er oder sie müssen wissen, wie weit sie gehen können oder ob die rote Linie bereits überschritten wurde. Lass sie es wissen. Du musst dazu keinen Seelenstriptease betreiben. Klarheit hilft beiden Seiten.
- Freundlich und klar.
- Bestimmt und deutlich.
- Rigoros und konsequent.
Je nach Situation.
Solange du alles zulässt, wird sich nichts verändern, weil diese Menschen es einfach anders wahrnehmen.
Bei Grenzüberschreitungen, die du kommentar- und tatenlos geschehen lässt, entsteht beim anderen der Eindruck, dass es okay ist, was er oder sie macht. Du lässt es ja mit dir machen.
Du „quietscht“ nicht! Zumindest nicht nach außen. Vielleicht quietscht es in deinem Inneren. Deiner Seele kostet es unfassbar viel Kraft, „gute Miene zum bösen Spiel“ zu machen.
Und vielleicht merkst du auch, dass dein Nervensystem dauerhaft erregt ist, weil es ständig aufpassen muss, in bestimmten Situationen oder im Kontakt mit bestimmten Personen. Sehr anstrengend und ungesund.
Das innere Bedrohungsgefühl
Wenn du anfängst, Grenzen zu setzen, kann es sein, dass du ein inneres Bedrohungsgefühl empfindest.
Dies ist mir so ergangen, als ich angefangen habe, bewusst in verschiedenen Situationen und gegenüber Menschen Nein zu sagen. Ich hatte das Gefühl, dass eine dicke Wolke der Bedrohung über mir hing. Mein System hatte dies aus der Kindheit gespeichert: wenn ich nicht artig war und ich Widerworte gegeben habe, folgte prompt die Strafe in Form von verbalen Attacken. Sehr schmerzhaft für eine kleine Kinderseele.
Wer als Kind gelernt hat, dass Grenzen setzen gefährlich ist, ob durch Sucht, Narzissmus oder andere dysfunktionale Zustände in der Familie, trägt dieses Muster oft bis ins Erwachsenenleben.
Auch Kinder, deren Wesen einfach nicht erkannt oder nicht willkommen war, wie etwa hochsensible, introvertierte oder neurodivergente Kinder, lernen früh, sich zu erklären, anzupassen und kleinzumachen. Weil sie anders waren als erwartet und es dafür früher häufig kein Verständnis und kein Wissen gab.
Dein inneres Bedrohungsgefühl kann etwas Altes sein. Das darfst du dir immer wieder verdeutlichen. Wenn du feststellst, dass du damit alleine nicht klarkommst, könnte es Sinn machen, dir hier Hilfe (Therapie/ Coaching) zu suchen.
Deinen Raum abstecken
Wenn du Grenzen setzt, steckst du deinen Kreis ab, deinen Raum, in dem du die Regeln bestimmst. Bei Grenzüberschreitung kannst du dich fragen:
- Will ich das?
- Will ich das von dieser Person?
- Ist mir das jetzt recht?
Bei einem Nein hilft eine freundliche und klare Ansage:
- „Sie kommen mir zu nah.“
- „Das geht Sie nichts an.“
- „Ich möchte das nicht.“
- „Ich habe eigene Maßstäbe, Werte und Grenzen. Ich möchte, dass dies respektiert wird.“
- „Ich empfinde das als übergriffig. Bitte unterlassen Sie das!“
Du musst das nicht näher begründen! Du bist niemandem eine Erklärung schuldig. Aus alten Kindheitserfahrungen heraus versuchen wir auch als Erwachsene uns immer wieder zu erklären, zu begründen und zu rechtfertigen, obwohl die alte Bedrohung längst nicht mehr da ist.
Du kannst natürlich mit Menschen, die dir wichtig sind, darüber sprechen.
Bei anderen, die dir nicht wichtig sind, kannst du es schlicht lassen.
Du musst dich nicht rechtfertigen: Ich möchte das nicht. Punkt!
Dir recht geben
„Ich gebe mir recht!“, diesen Satz hat mir vor Jahren Astrid Hochbahn geschenkt. Welch ein stärkendes Gefühl: ich gebe mir recht!
Wenn du deine Grenzen schützt und dies nach außen bekundest, wirst du hoffentlich ein inneres Befreiungsgefühl, Wohlgefühl, Kraft und Freude empfinden. Du hast dich nicht wieder verlassen. Bravo!
Die ein oder andere Person wird es schätzen, dass du ihr einen Hinweis gegeben hast. Diese Klärung und deine Haltung, klärt auch oft die Stimmung zueinander. Jede weiß, woran sie ist. Das hilft im weiteren Miteinander.
Es ist Teil des Reifens, sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein und diese selber auch zu achten. Und natürlich die Grenzen gegenüber Dritten zu wahren.
Was du gewinnst
Wenn du anfängst, Grenzen zu setzen, gewinnst du vor allem eines: dich selbst zurück.
- Du verschwendest weniger Energie damit, dich zu erklären, anzupassen und gute Miene zu machen. Das innere Gedankenkarussell stoppt und sucht auch keine Mitreisenden mehr! Du weißt, wo du stehst und was du willst. Dir wird deine Selbstwirksamkeit bewusst.
- Deine Beziehungen werden ehrlicher und klarer. Nicht alle werden das mögen, aber du wirst dich mehr mögen. Und du ziehst vielleicht mehr Menschen an, bei denen eine gegenseitige Stimmigkeit und Respekt besteht.
- Du entspannst dich. Du musst nicht mehr ständig auf der Hut sein, sondern empfindest eine innere Ruhe, inneren Frieden und das Einssein mit dir selbst!
- Du schützt dich selbst und bist dabei nicht auf andere angewiesen. Du wirst souveräner und Grenzen setzen wird dann irgendwann ein locker flockiges Thema für dich!
Gestaltungsimpuls zum Thema Grenzen setzen und nein sagen:
Erst auf dem Papier, dann in der Realität, durch Schreiben und Skizzieren können wir die Zukunft, vorwegnehmen. Wir üben Probehandeln auf dem Papier. Das erleichtert uns die Umsetzung in der Realität, wir werden uns bewusst, was uns stört und was wir ändern wollen und können.
- Zeichne dich in einem Kreis, der deine Grenze darstellt.
- Schreibe außerhalb des Kreises, was draußen bleiben soll.
Schreibimpuls:
Vorab zum Schreiben:
- Erster Gedanke – bester Gedanke. Mit dem ersten Gedanken beginnst du. Egal, was es ist. Alles ist erlaubt, auch „So eine doofer Impuls, damit kann ich nix anfangen…“
- Innere Perfektionist:innen, Skeptiker:innen und Lektor:innen dürfen zu Seite treten. Es gilt erstmal alles aufzuschreiben.
Keine Zensur. Rechtschreibung und Grammatik sind egal. - Erlaube dir, alles zu schreiben, was du im Innern und Außen wahrnimmst. Ohne Bewertung und Urteil.
- Es muss nicht schön sein. Es geht nicht um schöne Texte sondern um dein Empfinden und deine Wahrheit.
- Alles ist erlaubt, egal ob es ethisch, moralisch oder politisch korrekt ist.
- Stell dir einen Timer und schreibe 25 Minuten und wähle einen Impuls aus.
Schreibimpuls:
Die rote Linie überschritten
oder
Ich gebe mir recht
Lies dir deinen Text noch mal durch und ergänze dann diesen Satz:
Es ist Zeit für…
Lies dir alles noch mal laut vor!
Wenn du Mut brauchst, Nein zu sagen oder Grenzen zusetzen, bist du möglicherweise beim Workshop MontagsMut gut aufgehoben.






