in diesem Sommer brauche ich – und ich vermute du vielleicht auch – eine große Prise Ambiguitätstoleranz. Was für ein Wort!
Die Psychologin Else Frenkel-Brunswik hat in den 1940er-Jahren diesen Begriff geprägt: Ambiguitätstoleranz. Gemeint ist die Fähigkeit, Widersprüchliches auszuhalten, ohne es sofort auflösen zu müssen. Wer sie hat, bleibt gelassen, wenn zwei Dinge gleichzeitig wahr sind, die eigentlich nicht zusammenpassen. Wer sie nicht hat, sucht schnell nach einer einfachen, eindeutigen Antwort oder verurteilt sich selbst dafür, dass da widersprüchliche Gefühle sind.
Ich schwanke zwischen Sommerlaune und der Sorge um unsere Umwelt. Brennende Wälder, keinen Regen, Hitzerekorde und gleichzeitig die lauen Abende genießen. Darf ich das?
Ich habe mich entschieden, nicht zwischen Genuss und Sorge zu wählen, sondern beides nebeneinander stehen zu lassen. Wohlwollen mit sich selbst In diesem Zusammenhang und auch generell zu üben, gerade in Zeiten voller Widersprüche, halte ich für eine großartige Fähigkeiten.

Nein, es ist kein Schreibfehler: Zelebrieren meint für mich, dass das Wohlwollen in meine Zellen einsinken soll.
Diese Haltung übertrage ich auch auf meine Arbeit: In meinen Workshops und im Coaching weise ich in dieser Zeit des Jahres immer wieder gerne darauf hin, dass wir den Sommer brauchen, um aufzutanken, ganz unabhängig davon, was gerade sonst noch in der Welt los ist.
Wenn du Urlaub hast, ist Abschalten wichtig, um energiegeladen in den Herbst zu starten zu können. Zum Abschalten hilft, etwas zu tun, was du sonst im Alltag nicht oder zu selten tust. Es darf dich ein bisschen herausfordern, aber nicht so sehr, dass du total überanstrengt und genervt bist.
Und Erholung bedeutet nicht unbedingt, wochenlang rumzuliegen. Bei mentaler oder emotionaler Erschöpfung ist Bewegen die bessere Option.
Hier zwanzig Vorschläge, wie Abschalten gelingen kann:
- Mailbox besprechen: Guten Tag, ich bin bis zum xyz im Urlaub. Ab dem yxz können Sie mich wieder erreichen….
- Abwesenheitsassistent für das Mail-Postfach aktivieren und selber ernst nehmen.
- Fachliteratur zu Hause lassen.
- Aktuelle Nachrichten ignorieren: nicht lesen, sehen oder hören.
- Leichte Sommerlektüre verdauen, statt schwere Kost.
- Social Media meiden. Alle Apps auf dem Smartphone für die Urlaubspause löschen.
- Smartphone einfach mal aus- oder in den Flugmodus schalten.
- Digitalen Fotoapparat mitnehmen.
- Sich einfach mal langweilen statt zu scrollen.
- Mit den Mitreisenden vorab Erwartungen und Wünsche für die Zeit besprechen: Worauf hast du Lust, was möchtest du gerne machen. Worauf ich Lust habe, was ich mir wünsche.
- Sinneseindrücke sammeln: Was sehe ich, was höre ich, was rieche ich, was fühle ich und was schmecke ich.
- Bei Entscheidungsunlust abwechselnd entscheiden: Heute entscheide ich, was wir machen. Morgen Du usw.
- Mit Entdeckerlaune neue Orte oder die eigene Stadt (was kenne ich noch nicht?) erkunden.
- Bei körperlicher Erschöpfung ausruhen.
- Bei mentaler und emotionaler Erschöpfung bewegen.
- Picknick im Park oder im eigenen Garten.
- Park-Hopping an heißen Sommertagen.
- Spieleabende organisieren mit neuen Brettspielen.
- Trolle suchen in nordischen Ländern.
- Siesta halten.
Schreibimpuls:
Um den August zu begrüßen und mich einzustimmen, habe ich dem August einen Brief geschrieben.
Wenn du dazu Lust haben, dann schreibe dem August, wie ihr beide die Zeit miteinander verbringen wollen.
Setze dir einen Timer von 10 Minuten und schreibe drauflos. Worauf hast du Lust? Wonach steht dir der Sinn?
Wenn du fertig bist, suche dir vier bis fünf Wörter aus deinem Brief und bilde daraus einen neuen Satz.
Mein Satz lautete: Lebendig in meiner freien Zeit baden.
So viel Zeit zum Baden bleibt mir dann aber doch nicht. Urlaub habe ich gerade keinen, das Sommerloch merke ich zwar, es ist ruhiger als sonst, aber ganz leer ist mein Kalender nicht: Es kommen Anfragen und Termine rein, und parallel bereite ich die Angebote für Herbst und Winter vor.
Mein Beitrag zur Ambiguitätstoleranz: Bei 30 Grad draußen male ich gerade Wintermotive für die kommenden Workshops.

