16 Nov Hochsensibilität ist ein Wesensmerkmal – keine Krankheit oder Störung

Hochsensibilität ist ein Wesensmerkmal – keine Krankheit oder Störung

Zugegeben, es ist nicht immer ganz einfach als hochsensibler Mensch viel wahrzunehmen und damit umzugehen, dass bestimmte Ereignisse und Begegnungen einen langen emotionalen Nachklang erfahren. Und dennoch birgt die Hochsensibiltät viele Ressourcen. Mein Wunsch ist es, genau darauf den Fokus zu richten.

Um so erschrockener bin ich dann, wenn mich derartige E-Mails erreichen, die zu folgendem Vortrag einladen:

Neurofeedback – eine Therapie-, Trainings- und Coachingform

zur Behandlung vielfältiger Störungen und Krankheiten wie ADHS, Autismus,
Hochsensibilität, Hochbegabung,  Verhaltensauffälligkeiten, Schmerzen

Ich muss zugeben, das hat mich wirklich aufgeregt: Störungen und Krankheiten wie Hochsensibilität…???

Hilfe, was wird hier verbreitet?! Es entspricht meines Erachtens überhaupt nicht dem aktuellen Forschungsstand und ich kann aus eigener Erfahrung als Beraterin für hochsensible Menschen sagen, dass dies nicht meiner Auffassung und meinen Erfahrungen zu diesem Thema entspricht.

Was ist also Hochsensibilität?

Hochsensible Menschen verfügen über eine erweiterte Wahrnehmungsfähigkeit und ein hocherregbares autonomes (vegetatives) Nervensystem. Sie erspüren viel mehr und deutlicher als andere, was in ihrer unmittelbaren Umgebung „los“ ist, nehmen also auch subtile Reize und feine Nuancen mit ihren immer aktiven „Antennen“ wahr. Ihr Gehirn verarbeitet Informationen mit einer großen Tiefe und das Wahrgenommene erfährt häufig einen langen emotionalen Nachklang.

Hochsensible Menschen besitzen andere Filterfunktionen im Gehirn, die – ganz grob formuliert – einfach mehr Reize aufnehmen und viele von diesen als relevant einstufen.

Hochsensibilität ist keine Krankheit oder Störung sondern ein Wesensmerkmal, welches angeboren ist.

Elaine Aron, die als Forscherin und Psychologin in den USA arbeitet, hat sich in langjähriger Forschungsarbeit mit hochsensiblen Menschen auseinandergesetzt. Von Ihr stammt die DOES-Formel, die das Phänomen Hochsensibilität beschreibt.

D = Depth of Processing (Tiefe der Informationsverarbeitung)

O = asily Overstimulated (Hochsensible sind leichter bzw. schneller überstimuliert)

E = Emotional Reactivity and High Empathy (hohe emotionale Berührbarkeit)

S = Sensitivity to Subtile Stimuli (wahrnehmen von subtilen Reizen/ Feinheiten)

 

Typische Ausprägungen der Hochsensibilität sind:

_feine Sinne (Hören, Sehen, Fühlen, Riechen, Schmecken)

_vernetztes Denken

_ausgeprägtes Einfühlungsvermögen/hohe Empathie

_lebhafte Vorstellungskraft

_reiches und komplexes Innenleben

_tiefes Bewegtsein von Kunst und Musik, Menschen und Geschehnissen

_ausgeprägter Gerechtigkeitssinn

_sensibler Körper

_Harmoniebedürftigkeit

_meiden von Menschenansammlungen

_Neigung zu Perfektionismus

_Überforderungstendenzen: zu viel auf einmal führt zu Stress

Wenn Sie sich die Aufzählung genau ansehen, werden Sie feststellen, dass hier viele wunderbare Ressourcen schlummern bzw. bereits von hochsensiblen Menschen in unterschiedlichen Berufen genutzt werden.

Richten wir den Fokus auf die Ressourcen und stempeln wir hochsensible nicht als gestörte Menschen ab. Ich erlebe in meinen Beratungen und Workshops sowie auch in meinem privaten Umfeld viele hochsensible Menschen, die auf mich weder einen gestörten noch einen kranken Eindruck  aufgrund Ihrer Wahrnehmungsbegabung machen.

Klar haben diese auch Probleme und Herausforderungen zu bewältigen, diese sind aber – wie so häufig bei allen Menschen – darauf zurückzuführen , dass sie im Laufe ihres Lebens auch negative Erfahrungen sammeln. Diese zu lösen und zu bewältigen – auch im Hinblick auf ihre andere Art zu denken und zu fühlen – gelingt dann, wenn ich die Erfahrungs- und Erlebniswelt von hochsensiblen Menschen verstehe und nachvollziehen kann, aber sicherlich nicht, wenn ich sie als gestört oder krank einstufe.